Für mich heißt Führung ohne Titel nicht, die Arbeit des Chefs zu machen, ohne Chef zu sein.
Es heißt, sich nicht hinter der Stellenbeschreibung zu verstecken, wenn eine Situation Verantwortung braucht. Aber genauso wichtig ist es zu wissen, wann man aufhören muss.
Über die Rolle hinaus, nicht über das Mandat hinaus
In der Last Mile hatte ich eine operative Rolle, aber in der Praxis gab es Momente, in denen die Arbeit mehr verlangte, als nur meine eigene Aufgabe zu erledigen. Ich habe Verantwortung übernommen für die Koordination von Problemen während der Schicht, das Verfolgen der KPIs, die Prozessdisziplin an der Rampe, die Kommunikation mit den Fahrern und das Ansprechen von Problemen, die sich wiederholten. Wenn ich sah, dass ein Problem nicht nur ein Vorfall war, sondern zu einem Muster wurde, versuchte ich, die Diskussion von „Wer hat den Fehler gemacht?“ zu „Was muss sich im Prozess ändern?“ zu bringen.
Im Hotel ist es auf andere Weise passiert. Meine Rolle ist operativ, aber ich bin über die Ausführung der Schicht hinausgegangen, indem ich Checklisten, SOPs, Schulungsmaterialien und später ein digitales System für Front Office und Night Audit strukturiert habe.
Das heißt nicht, dass ich die Befugnisse des Managements übernommen habe. Ich habe Verantwortung dafür übernommen, wie ich die Arbeit, die ich kannte, organisiert und dokumentiert habe.
Für mich ist das ein wichtiger Unterschied. Mehr Verantwortung zu übernehmen heißt nicht, Entscheidungen zu treffen, die einem nicht zustehen.
Wie man Autorität ohne Position gewinnt
Ich glaube nicht, dass man Autorität ohne Titel gewinnt, indem man sich verhält, als hätte man einen Titel. Man gewinnt sie, indem man nützlich ist.
Im Betrieb merken die Menschen sehr schnell, ob die Person vor ihnen nur Meinungen abgibt oder da ist, wenn es ein Problem gibt.
Ich habe versucht, klar zu sein, keine Panik zu verbreiten, wenn etwas schiefging, und ein Problem nicht an jemand anderen weiterzuschieben, nur damit es nicht mehr auf meinem Tisch lag.
Ein weiterer Teil war, den Prozess zu verstehen, bevor ich etwas von den Menschen verlangte. Es ist viel leichter, die Einhaltung eines Standards zu verlangen, wenn man selbst versteht, warum es diesen Standard gibt. Und wenn es ein Problem gab, versuchte ich, über die Tatsache und den Prozess zu sprechen, nicht die Person anzugreifen.
Autorität, die nur aus der Position kommt, funktioniert so lange, wie die Menschen auf einen hören müssen. Autorität, die aus Glaubwürdigkeit kommt, funktioniert auch dann, wenn sie nicht dazu verpflichtet sind.
„Das habe nicht ich zu entscheiden“
Die Grenze ziehe ich beim Mandat.
Ich kann ein Problem erkennen. Ich kann Informationen sammeln. Ich kann eine Lösung vorschlagen. Ich kann den Teil erledigen, der in meine Verantwortung fällt.
Aber wenn die Entscheidung Unternehmensrichtlinien, bedeutende Kosten, Personalfragen, die Sicherheit oder Ausnahmen von Abläufen betrifft oder eine Freigabe durch eine Führungskraft braucht, dann halte ich an und eskaliere.
Ich habe gelernt, dass Initiative und Autorität zwei verschiedene Dinge sind.
Initiative sagt: „Ich ignoriere das Problem nicht.“
Autorität sagt: „Ich habe das Recht, diese Entscheidung zu treffen.“
Man kann viel vom Ersten haben, ohne das Zweite zu beanspruchen.
Was ich über die Reaktionen sagen kann
Hier will ich vorsichtig sein. Ich habe nicht genug Material, um zu behaupten, dass alle auf eine bestimmte Weise reagiert haben oder dass ich für jede zusätzliche Verantwortung eine formale Anerkennung bekommen habe.
Was ich sagen kann: Ich war weiterhin in Koordination, operative Verbesserungen, Dokumentation und den Aufbau von Prozessen eingebunden. Im Hotel habe ich weiter an der Strukturierung des Night Audits und an Werkzeugen gearbeitet, die die Arbeit klarer machen. Das zeigt mir, dass mein Beitrag genutzt wurde.
Mehr schreibe ich nicht, weil ich keine Reaktionen, kein Lob und keine Versprechen behaupten will, die ich nicht dokumentiert habe.
Der Preis
Der sichtbarste Preis ist die Müdigkeit. Wenn man anfängt, alles als Problem zu sehen, das gelöst werden muss, nimmt man sehr leicht mehr Verantwortung mit, als einem zusteht.
Das andere Risiko ist weniger sichtbar: Wenn man ständig die Lücken eines Systems füllt, kann man den Eindruck erwecken, dass das System funktioniert. Weil es immer jemand rettet.
Heute würde ich eines klarer machen: Ich würde trennen zwischen „Ich löse das jetzt, damit der Betrieb weiterläuft“ und „Dieses Problem braucht eine strukturelle Lösung von der Person, die dafür die Befugnis hat“. Ich würde mehr dokumentieren. Ich würde klarer machen, wem ein Problem gehört. Und ich würde die Bereitschaft zu helfen nicht mit der Pflicht verwechseln, jedes Problem der Organisation selbst zu tragen.
Führung heißt nicht, die Person zu werden, ohne die nichts funktioniert. Führung heißt, dazu beizutragen, dass die Dinge auch funktionieren, wenn man nicht da ist.
Drei Fragen, bevor man etwas übernimmt, das nicht das Eigene ist
Heute würde ich mir drei Fragen stellen:
- Helfe ich, weil diese Situation Handlung braucht, oder treffe ich eine Entscheidung, die jemand anderes treffen müsste? Das hilft mir, Initiative von der Überschreitung des Mandats zu trennen.
- Habe ich die Informationen und die Kompetenz, um das zu übernehmen? Dass in diesem Moment niemand sonst handelt, heißt nicht automatisch, dass ich die richtige Person bin, um zu entscheiden.
- Bei wem bleibt danach die Verantwortung? Das größte Problem ist nicht immer, für einen Moment etwas außerhalb der eigenen Rolle zu tun. Das Problem beginnt, wenn eine Ausnahme zur Normalität wird und niemand mehr weiß, wem was gehört.
Berufliche Reife misst sich nicht nur daran, wie viel Verantwortung man bereit ist zu übernehmen. Sie misst sich auch daran, ob man weiß, welche Verantwortung man nicht übernehmen sollte.
Zehn Jahre nah an der Arbeit · Essay 10 von 12